Am 19. Juli 2024 stürzten nach einer fehlerhaften Inhaltsaktualisierung der Sicherheitssoftware CrowdStrike Falcon zahlreiche Windows-Systeme ab. Die spätere Ursachenanalyse des Herstellers beschrieb einen Fehler im Zusammenspiel der angelieferten Konfigurationsdaten mit deren Verarbeitung auf den Geräten. Das britische National Cyber Security Centre bewertete die Ausfälle am selben Tag als Folge eines technischen Vorfalls, nicht als Ergebnis eines Cyberangriffs.
In England meldete der staatliche Gesundheitsdienst NHS Probleme mit dem Termin- und Patientenaktensystem EMIS. Nach seiner damaligen Mitteilung war die Mehrheit der Hausarztpraxen von Störungen betroffen. Zu den vorgesehenen Ausweichverfahren gehörten Patientenunterlagen auf Papier und handschriftliche Rezepte. Auch in Krankenhäusern mussten einzelne Verwaltungsaufgaben auf Papier erledigt werden. Zugleich betonte NHS England, dass die Versorgung in der Mehrheit der Krankenhäuser normal weiterlief; für den Notruf 999 war zu diesem Zeitpunkt keine Auswirkung bekannt.
Die Genauigkeit dieser Beschreibung ist wichtig. Die Welt stand an diesem Freitag nicht insgesamt still. An bestimmten Stellen fehlten jedoch Werkzeuge, auf die sich eingespielte Abläufe stützten. Personal musste auf andere Verfahren ausweichen. Dass es solche Wege gab, gehört zur Geschichte dieses Tages.
Am folgenden Tag schätzte Microsoft die Zahl der betroffenen Windows-Geräte auf etwa 8,5 Millionen. Das entspreche weniger als einem Prozent aller Windows-Geräte. Die Angabe war eine damalige Schätzung des Unternehmens, keine abschließende Zählung. Microsoft verwies zugleich darauf, dass CrowdStrike bei Unternehmen eingesetzt werde, die viele kritische Dienste betreiben.
Aus einer kleinen Quote lässt sich deshalb keine kleine Bedeutung ableiten. Der Anteil betroffener Geräte sagt noch nicht, welche Aufgaben ausfallen und wie gut Menschen sie anders erledigen können. Für die Beurteilung einer Abhängigkeit müssen wir wissen, wo ein System steht, wer darauf angewiesen ist und was beim Ausfall verfügbar bleibt.
Ein Sicherheitsprodukt soll Risiken verringern. Wer es einsetzt, überträgt seinem Hersteller eine Aufgabe, die eine einzelne Organisation schwer vollständig selbst übernehmen kann. Darin liegt ein vernünftiger Grund für Spezialisierung. Der Vorfall macht aber eine Grenze dieser Arbeitsteilung sichtbar: Eine technische Entscheidung außerhalb der eigenen Organisation kann die Arbeit innerhalb der Organisation beeinträchtigen. Dann zählt, welche Möglichkeiten zur Reaktion tatsächlich bestehen.
Welche Teile einer Leistung bleiben verfügbar? Wie erfahren die Betroffenen, was geschehen ist? Welche Entscheidungen können Beschäftigte selbst treffen? Solche Fragen gehören zur Einführung eines Systems. Sie werden dringlich, wenn das System bereits ausgefallen ist.
Der Kontrollverlust, um den es in diesem Buch geht, hat unterschiedliche Formen. Manchmal versagt eine technische Komponente. Manchmal bleibt sie verfügbar, während die Menschen, die mit ihrem Ergebnis leben müssen, wenig Einfluss auf ihre Regeln haben. Ein Fehler in einer Sicherheitssoftware und eine folgenreiche automatisierte Bewertung sind verschiedene Vorgänge. Gemeinsam untersuchen lässt sich, wer entscheiden darf und wer die Folgen trägt.
Der Begriff Kontrolle kann dabei in die Irre führen. Niemand im Wartezimmer muss die Architektur einer Sicherheitssoftware beherrschen. Auch die Mitarbeiterin an einer Anmeldung kann nicht jede Voraussetzung ihres Computers selbst prüfen. Wir gewinnen wenig, wenn wir aus dem Ausfall eine Forderung nach allwissenden Einzelnen ableiten. Die Frage lautet vielmehr, wie Zuständigkeiten und Möglichkeiten verteilt sind. Eine Organisation kann einen Teil ihrer Technik anderen anvertrauen und trotzdem darauf bestehen, die eigene Arbeit unter veränderten Bedingungen fortsetzen zu können.
Weiter geht es im Buch. Belegnummern und Quellen stehen in der Buchausgabe.
